Gebärde

Ich will, dass du mich verstehst – warum uns Gebärden so wichtig sind

von Conny Hoffmann

Die offizielle Diagnose „an Taubheit grenzend schwerhörig“ bekamen wir, als unsere Tochter 3 Monate alt war.

Und ehrlich, auch vorher wussten wir es schon. Mir war von der ersten Untersuchung an klar, dass unser Schlappöhrchen uns nicht hören kann.

Mein Kind ist taub. Die für mich einfach logische Schlussfolgerung war: Ich will, dass sie mich verstehen kann! Wir werden anders kommunizieren müssen als ich es mit der großen Schwester gemacht habe. Wir müssen einen gemeinsamen Kommunikationsweg finden. Wenn mein Kind meine Worte nicht hören kann, muss ich sie ihr zeigen. Wir lernen alle die Gebärdensprache.

Ich kannte schon einige einzelne Gebärden aus meiner Arbeit als Heilpädagogin. Ich wusste über die tollen Möglichkeiten und Erfolge zur Förderung der Lautsprache durch gebärdenunterstützte Kommunikation und ich wusste schon, dass die Gebärdensprache eine vollständige und vollwertige eigene Sprache mit eigener Grammatik ist. Aber auch ohne dieses Wissen und aus reinem mütterlichen Instinkt wollte ich einfach mit meinem Kind kommunizieren. Deshalb suchten wir sehr bald nach einem Hausgebärdensprachkurs.

Ich suchte Kontakte zu anderen Familien mit gehörlosen Kindern. Durch Anke Klingemann bekam ich den Kontakt zu einer Gebärdensprachdozentin, die zufällig gleich hier um die Ecke wohnte und selbst gehörlos ist. Wir nahmen Kontakt auf und trafen uns. Wir haben einfach angefangen zu lernen. Ohne Kostenbewilligung. Zur Taufe von Schlappöhrchen organisierten wir eine Pfarrerin, die den Gottesdienst in DGS übersetzten konnte. Das war ein wunderschönes Erlebnis. Es war mir so wichtig, dass unser Kind etwas vom Gesagten Sehen konnte und so konnten wir auch unserer gesamten Familie zeigen, wie wichtig uns das Thema Gebärdensprache war. Natürlich war auch unsere Dozentin eingeladen.

Die Antragstellung war kompliziert. Unsere Dozentin war geduldig und kam trotzdem. Ihr war es ein Anliegen uns zu unterstützen. Ich weiß nicht mehr genau wie lange es gedauert hat, aber irgendwann bekamen wir den Bescheid, dass der Hausgebärdensprachkurs bezahlt wird. Das ist nun fast 4 Jahre her. Seitdem lernen wir nahezu wöchentlich.

Für die Kommunikation mit einem Baby reichen grundlegende Gebärden gut aus. Viel wichtiger als die Vokabeln war die Sensibilität für die Taubheit unserer Tochter. Diese konnte uns unsere Dozentin und inzwischen Freundin nahe bringen. Nicht einfach anfassen, sich immer von vorne annähern, Blickkontakt halten und einfordern... Diese Basics waren in der Kommunikation mit unserem Kind Gold wert. Vor allem der Blickkontakt ist heute noch ihre große Stärke. Sie bekommt alles mit. Sie schaut in dich rein wenn du mit ihr sprichst. Keine Lippenbewegung und keine Mimikäußerung entgeht ihr. Sie hat alles im Blick.

Heute ist es so, dass ich wünschte ich würde besser gebärden können. Ich denke ich kann mich inzwischen ganz gut verständigen, aber es reicht einfach nicht aus, um Schlappöhrchen die Welt zu erklären. Ihre Lautsprache ist sehr gut. Altersgemäß sogar. Trotzdem habe ich sehr oft den Eindruck, dass nicht alles bei ihr ankommt, was ich ihr erklären möchte. Vor allem in emotionalen Situationen, wenn sie Ärger hatte oder im Streit mit ihrer Schwester oder Freunden möchte ich ihr gerne mehr erklären können. Sie trösten. Zusammenhänge, Gefühle, Einzelheiten.

Unsere Tochter versteht alles, was ich ihr gebärde. Auch wenn unsere Dozentin mit ihr spricht, versteht sie sehr gut. Sie wendet allerdings kaum DGS an. Nur einzelne Gebärden in Liedern oder beim Lesen oder auch mal spontan beim Sprechen. Aber auch wenn das CI ab ist, spricht sie mit uns.

Wir lernen weiterhin. Ich habe nur das Gefühl, ohne ständige Kontakte zur Gebärdensprache, werde ich über meinen jetzigen Level schwer hinaus kommen. Das bedeutet viel Zeit investieren in neue Kontakte. Das ist nicht so mein Ding. Ich quatsche Leute gerne an, aber eben nicht in einer Sprache, die ich kaum kann. Dazu fehlt mir leider oft der Mut.

So haben wir im Moment unseren gemeinsamen Kommunikationsweg gefunden. Ich begleite meine Lautsprache viel gebärdenunterstützt. Wenn das CI aus ist, versuche ich so gut ich kann DGS anzuwenden. Ich bin nicht immer 100 prozentig zufrieden und zweifle, ob sie wirlklich immer das versteht, was ich ihr sagen will. Ich komme aber an meine Grenzen. Ich würde gerne mehr DGS können,aber ich kann es eben nicht. Und ich denke, ich kann es auch nicht einfach von mir verlangen, es zu können. Ich tue mir sehr schwer damit, es zu lernen, es braucht unglaublich viel Zeit und vor allem fehlt mir das Feedback. Meine Sprache ist die Lautsprache und ich habe nicht viele Kontakte in die Gehörlosen Community. Ich bin offen und möchte auch meiner Tochter alle Türen offen halten. Damit muss ich im Moment zufrieden sein oder es ändern und mehr Kontakte knüpfen.

Ich merke jedenfalls wie gut es ihr tut, andere Kinder mit CIs zu sehen und habe mir fest vorgenommen, öfter mit anderen Familien Kontakt zu haben. Auch das ist leider im Alltagswahnsinn nicht so einfach.

Michaela, lass uns unbedingt bald wieder sehen. Schlappöhrchen und Marie haben sich sicherlich viel zu erzählen. Egal ob mit Lippen oder Händen.

Ich danke meiner Gastautorin Conny Hoffmann, die uns in Sachen Gebärdensprache um Längen voraus ist! Marie und Schlappöhrchen sind im gleichen Alter und ihre Wege werden sich sicherlich noch oft kreuzen.

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