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Schwimmen lernen ohne zu hören – geht das?

Eine Frage, die sich wohl alle Eltern von CI-Kindern irgendwann stellen, ist die Frage, wie es mit dem Schwimmen lernen klappen soll. Denn die Außenteile des Cochlea Implantats dürfen nicht nass werden (bis auf wenig Spritzwasser oder leichter Regen). Infolgedessen bleiben für das Schwimmen, Plantschen und Baden nur zwei Möglichkeiten:

  1. Die CIs abnehmen und ohne Hören schwimmen.
  2. eine spezielle, wasserdichte Hülle um das CI anbringen.

Für Variante (2) haben die verschiedenen Hersteller unterschiedliche Systeme, die mehr oder weniger etwas Geschick und Geduld erfordern. Das beste System hat hier wohl Cochlear entwickelt, eine wiederverwendbare Schutzhülle für den Audioprozessor, die sich einigermaßen alltagstauglich verwenden lässt. Wir hatten uns damals für Med-El entschieden, mit dem wir sehr zufrieden sind, aber dessen WaterWear-System für Kinder ziemlich unpraktisch ist. Es ähnelt einer Plastikfolie, in die man das CI mühsam hineinfriemeln muss und insgesamt keinen recht vertrauenserweckenden Eindruck für ein im Wasser tobendes Kind macht. Denn das Ohrpassstück, mit dem gerade bei Kindern das CI am Ohr befestigt wird, passt nicht in diese Schutzhülle und muss entfernt werden, was zur Folge hat, dass das CI ständig verloren geht – gerade im Wasser keine brauchbare Alternative.

Schnell war für uns also klar, dass für uns und Marie die einzige Möglichkeit ist, bei Spielen mit Wasser und bei Schwimmen die CIs abzunehmen. Da wir das von Anfang an so gehandhabt haben, ist es für Marie ganz selbstverständlich. Mit dem Anziehen des Badeanzugs stöpselt sie ihre Ohren aus und los geht’s! In diesen Situationen hilft es, wenn man zumindest einige Gebärden kann, um sich zu verständigen. Immer wieder erstaunlich finde ich, dass Marie trotzdem sie dann nichts hört, munter weiter spricht. Sie kann – wie viele andere nichthörende Menschen – auch sehr gut von den Lippen lesen und so klappt die Verständigung dann auch ohne CIs ganz gut.

Aber ein Schwimmkurs bei einer fremden Person, noch dazu in einer Gruppe mit mehreren Kindern – wie soll das funktionieren?

Darüber habe ich mir lange den Kopf zerbrochen. Aber dazu haben Mütter ja eine Neigung, und manchmal fährt man gut damit, die Dinge einfach auszuprobieren. Der Zufall wollte es so, dass wir ganz spontan in einen Schwimmkurs in der Nähe reingerutscht sind – die Mama von Maries beste Freundin hatte mir erzählt, dass sie ihre Tochter da angemeldet hatte und ob Marie nicht auch mitmachen mag.  Das war im Herbst 2020 – den ersten langen Lockdown hatten wir hinter uns, der zweite stand uns noch bevor, aber das wussten wir zum damaligen Zeitpunkt noch nicht. Da es in unserer Gegend wahnsinnig schwer ist, überhaupt einen Platz in einem Schwimmkurs zu ergattern, und dann noch in Corona-Zeiten, blieb mir kaum Bedenkzeit und schnappte mir den letzten freien Platz.

Vor der ersten Stunde nahm ich Kontakt mit der Schwimmlehrerin auf und erklärte ihr die besondere Situation mit Marie. Die Schwimmlehrerin war mega-entspannt und meinte, dass sei gar kein Problem, sie hätten tatsächlich noch ein anderes Kind im Schwimmverein mit Hörgeräteversorgung und da klappt die Verständigung nahezu problemlos. Ich freute mich über die positive Rückmeldung, blieb aber noch skeptisch, denn eine gehörlose Jugendliche, die schon schwimmen kann, ist doch was anderes als mein kleines, damals 4-jähriges Mädchen, das im tiefen Wasser sofort untergeht.

Doch manchmal tut so ein sprichwörtlicher Sprung in’s kalte Wasser auch der Mama gut. 😉

Wegen der Corona-Auflagen durften die Eltern eigentlich nicht mit in’s Schwimmbad, aber wir konnten es so regeln, dass ich am Anfang der Stunde, als die Trockenübungen stattfanden, noch am Rande dabei sein durfte. Denn so lange erklärt und auf dem Trockenen geübt wurde, konnte Marie ihre CIs tragen. Als es dann in’s Wasser ging, nahm ich Maries CIs und packte sie in eine wasserdichte Box.

An dem Schwimmkurs nahmen sehr viele Kinder teil, aber dadurch, dass auch mehrere Schwimmlehrer bzw. Assistenten dabei waren, konnten sie in Kleingruppen trainieren. Zu Beginn machte ich noch die ein oder andere Assistentin darauf aufmerksam, dass sie bevor sie etwas im Wasser erklärt oder demonstriert, mit Marie Blickkontakt aufnehmen soll, damit Marie die Erklärungen auch mitbekam. Tatsächlich konnte Marie sehr schnell die Bewegungen richtig nachahmen und orientierte sich an den anderen Kindern, welche Übungen gerade dran waren. V.a. dass ihre Freundin dabei war, war sehr hilfreich, denn zu ihr hat sie Vertrauen und der Anspruch, es wie sie zu machen, ist natürlich groß.

Leider musste nach nur wenigen Stunden der Schwimmkurs Corona-bedingt abgebrochen werden. Das war für mich tatsächlich mit einer der schlimmsten Auswirkungen, dass nun auch mein zweites Kind – Maries großem Bruder ging es vor einem Jahr genau so – nicht schwimmen lernen kann. Bekanntlich dauerte der 2. bzw. 3. Lockdown ein halbes Jahr, und erst jetzt im Juli – 8 Monate nach der letzten Schwimmstunde – konnten wir wieder einsteigen.

Doch tatsächlich erwies sich auch in der Lockdown-Zeit – als Schwimmbäder zu waren und es für Seen noch zu kalt war –  Maries Freundin wieder als ausschlaggebend für ihre Schwimmfortschritte. Denn glücklicherweise durften wir hin und wieder in ihren Pool springen und dort unsere Bahnen ziehen. Breits im Frühjahr konnte Maries Freundin schon frei schwimmen, und das war wohl Ansporn genug für Marie, es jetzt unbedingt auch zu wollen! Unerschrocken, tapfer und ausdauernd übte sie im Wasser, und lieber ging sie fast unter und spuckte Wasser als dass ich ihr hätte helfen dürfen. Ich war echt beeindruck von meinem Mädel!

Noch beeindruckter allerdings war ich, als sie nach der ersten Schwimmstunde seit über einem halben Jahr mit ihrer Seepferdchen-Urkunde auf mich zukam! Ich konnte meinen Augen nicht trauen! Hatte sie sich tatsächlich auch da wieder an ihrer Freundin orientiert, die es an diesem Tag mit dem Seepferdchen probieren wollte. Nach dem Motto „Augen zu und durch“ oder in unserem Fall besser „Ohren ab und durch“ machte sie einfach alles nach und erschwamm sich so ihre erste 25m-Bahn. Ich war völlig baff!Beco Deutsches Schwimmabzeichen Anzahl 10 Stück Ausführung Seepferdchen

Auf meine Frage, ob sie denn wusste, dass das die Seepferdchen-Prüfung war, hat sie geantwortet: „Ich weiß nicht, ich hab einfach alles gemacht, was E*** gemacht hat.“ Also, liebe E*** – an dieser Stelle ein dickes Dankeschön an Dich!!!

Und an alle zögernden Mamis: Klar, jedes Kind ist anders (das sehe ich schon an Maries größerem Bruder), aber Marie hat mir nun schon öfter gezeigt, dass es sich lohnt, einfach mal was auszuprobieren, seinem Kind (und sich selber!) was zuzutrauen und keine Angst vor einem Scheitern zu haben! Es kommt darauf an, was man daraus macht, und gerade in der Welt der Kinder ist nicht alles so kompliziert, wie bei uns Erwachsenen.

 

HINWEIS: 

In diesem Zusammenhang möchte ich Euch auf ein Sozialgerichtsurteil hinweisen, bei dem eine Krankenkasse dazu verpflichtet wurde, die Kosten für die Wasserschutzhüllen für das versicherte Kind zu übernehmen. In Zeiten, in denen Inklusion groß geschrieben wird, ist es da nicht unglaublich, dass es erst ein Gerichtsurteil braucht? Die Krankenkasse hatte allen Ernstes argumentiert, dass man Schwimmen ja auch auf dem Trockenen lernen könne! Infos zu dem Fall findet Ihr hier: https://www.anwalt.de/rechtstipps/sozialgericht-gibt-kindern-anspruch-auf-versorgung-mit-wasserschutzhuellen_153822.html

(keine Haftung für externe Links).

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