Blümchen

Frühförderung – Was ist und bringt das?

Seit Marie ein halbes Jahr ist, bekommt sie Frühförderung. Was das ist? Wusste ich zu Anfang auch nicht.

„Der Begriff Frühförderung ist eine Sammelbezeichnung für pädagogische und therapeutische Maßnahmen für Kinder, die von einer Behinderung betroffen oder bedroht sind. Die Maßnahmen der Frühförderung umfassen den Zeitraum der ersten Lebensjahre und können sich bis zum Kindergarten­eintritt oder bis zur Einschulung erstrecken. Dies ist je nach Bundesland beziehungsweise Kanton oder ausrichtender Behindertenrichtung verschieden.“ (wikipedia)

Soweit die Definition. Aber was wird da nun gemacht? Und was soll das bei einem tauben Kind bringen?

Wichtig zu wissen ist, dass es sich bei einer Hörbeeinträchtigung um eine Sinnesbehinderung handelt. Das spiel für nahezu alle weiteren Maßnahmen, Anträge, Formulare etc. eine wichtige Rolle. Während sich die allgemeine Frühförderung an Kinder mit geistiger bzw. kognitiver und seelischer Behinderung sowie an Kinder, denen ohne Förderung eine entsprechende Behinderung droht, wendet, richtet sich die spezielle Frühförderung an Kinder mit Sinnesbehinderungen wie z. B. Gehör- oder Schwerhörigkeit. Bei der allgemeinen Frühförderung stehen in der Regel heilpädagogische Hilfen wie die Entwicklungsförderung im Vordergrund. Hinzu kommen in vielen Fällen medizinisch-therapeutische Maßnahmen, wie Krankengymnastik, Ergotherapie oder Logopädie.

In der Frühförderung für Kinder mit einer Sinnesbehinderung arbeiten ausgebildete pädagogische Fachkräfte der entsprechenden Fachrichtung. Die Frühförderung findet weitgehend mobil statt, das heißt, dass die dort beschäftigten Mitarbeiter die Kinder in der elterlichen Wohnung oder im Kindergarten besuchen und dort die Förderung des Kindes und die Beratung der Eltern durchführen.

Je früher eine Hörbehinderung bei einem Kind festgestellt wird, desto schneller kann die betroffene Familie bei der Förderung des Kindes unterstützt werden. Die Frühförderinnen verfolgen einen ganzheitlichen, spielerischen Ansatz, wobei die Förderung der Kommunikation und der Sprachentwicklung natürlich im Vordergrund stehen. Dementsprechend ist die Frühförderung im Bereich Hörschädigung eine Komplexleistung ist, die sowohl heilpädagogische und entwicklungspsychologische Aspekte berücksichtigt als auch medizinische und therapeutische Hilfen anbietet. Eine wichtige Rolle spielt im Rahmen der Frühförderung auch die Beratung und Anleitung der Eltern und Geschwister.

Mein persönlicher Eindruck: Ich fand es v.a. am Anfang für uns als Eltern wichtig, dass Jemand zu uns nach Hause kam, der sich mit dem Thema Hörschädigung auskannte, den ich alles fragen konnte und der mir vermittelte, dass man mit Taubheit sehr gut umgehen kann. Inwieweit die Frühförderung in so einem frühen Stadium für Marie etwas brachte – sie war damals sechs Monate und noch nicht mit Cochlea Implantaten versorgt – weiß ich nicht. Die Zeit war aber auf jeden Fall gut für sie, denn es waren wöchentlich 1 1/2 wertvolle Stunden, die wir ausschließlich ihr widmeten und nicht ihrem damals 2-jährigen Bruder. Auch wenn sie nichts hörte, genoss Marie die Aufmerksamkeiten und Spielereien. Ähnlich wie beim Pekip-Prinzip erlebte Marie die Welt mit all ihren vorhandenen Sinnen. Zudem hatten wir das große Glück, dass unsere Frühförderin gebärden konnte, und Marie war von Anfang an eine gute Beobachterin (typisch für ein Kind, einen ausgefallenen Sinn mit den anderen verbliebenen auszugleichen). Neben der psychischen Komponente, die die Frühförderung für die Eltern bedeutet, wurde es dann aber v.a. nach der Erstanpassung interessant. Hier gibt die Frühförderung wertvolle Impulse und Anregungen, was das spielerische „Hören lernen“ betrifft. Und natürlich kann man als Mutter nicht umhin, ab und an den Vergleichs-Check zu machen: „Welche Fortschritte macht mein Kind im Vergleich zu anderen Implantierten?“ „Was kann ich tun, um sie noch mehr zu fördern?“ „Warum spricht sie immer noch so undeutlich?“

Ich empfinde die Frühförderung in der Tat so, wie sie sich selbst beschreibt, als sehr ganzheitlich. Manchmal habe ich mich gefragt, was diese oder jene Einheit nun gebracht haben soll wenn einfach nur gespielt wurde. Aber das ist eine falsche Denkweise. Wenn ich mit meinem Kind spiele hinterfrage ich ja auch nicht den direkten Nutzen à la „welche Synapsen verbinden sich jetzt“… Interessant zu beobachten war bzw. ist nach wie vor, dass Marie gerade in förderfreien Phasen, also z.B. während der Ferien, ihre größten Entwicklungssprünge gemacht hat.

Bis Marie in den Kindergarten kam, fand die Frühförderung in der Regel einmal die Woche zu Hause bei uns statt. Seit sie nun in den Kindergarten geht, findet die Frühförderung abwechselnd bei uns und im Kindergarten statt. Bis sie in die Schule kommt, werden wir von der Frühförderstelle betreut. Diese arbeitet übrigens überregional, das ist anders als bei den allgemeinen Frühförderstellen. Was auch anders ist und zu Beginn Anlass für Irritationen sorgte ist, dass bei einer Sinnesbehinderung Frühförderung und integrative Maßnahme (z.B. durch eine heilpädagogische Fachkraft im Kindergarten) parallel laufen können. Und dann gibt es auch noch den Mobilen Sonderpädagogischen Dienst (MSD), der die Beratung und Betreuung der betreuenden Tageseinrichtung übernimmt. Am Anfang ist es wirklich nicht leicht durchzublicken, wer für einen wann und wo zuständig ist. Aber auch hier hilft die Frühförderstelle. Wenn unsere Frühförderin etwas nicht wusste, nahm sie die Frage in die Teambesprechung mit und gab mir beim nächsten Treffen Antwort.

Ich kann nur allen Eltern empfehlen, die Gelegenheit der Frühförderung in Anspruch zu nehmen, auch wenn es natürlich ein Termin neben vielen für einen hörgeschädigtes Kind und seine Familie ist. Aber im besten Falle entwickelt sich daraus eine echte Freundschaft zwischen Kind und Frühförderin. Marie freut sich immer ungemein wenn es wieder soweit ist, und auch ihr Bruder weigert sich dann, in den Kindergarten zu gehen, wenn er mitbekommt, dass unsere Frühförderin kommt.

 

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