Marie im Pool

Plantschen, schwimmen, baden, pritscheln… das geht auch ohne Ohren!

Schwimmen gehen mit einem tauben Kind – das war für mich am Anfang eine Horror-Vorstellung!

Wie soll das gehen? Das CI darf keinesfalls nass werden, das hat man uns gleich zu Beginn eingebläut. Es gibt zwar so Plastikhüllen für das CI, die Prozessor und Spule für Nässe schützen sollen, aber bei unserem Hersteller, den wir gewählt haben (Med-El) ist das so genannte Waterwear leider keine so praktische und vertrauenswürdige Angelegenheit. Noch dazu, wenn das Kind Ohrpassstücke trägt, damit das CI richtig hält, ist eine zusätzliche Schwachstelle gegeben, in die Wasser eindringen kann. Einige Familien behelfen sich mit Badekappen oder zusätzlichen Kopfbändern, um das aufwändig in Plastikfolie verpackte Gerät vor dem Runterfallen zu schützen. Wir haben uns zugegebenermaßen für die bequemste Variante entschieden: CI ab und ab in’s Wasser! Das hat Marie von Klein auf so gelernt: für sie gehört das Abnehmen ihrer Hörhilfen so selbstverständlich dazu wie das Eincremen mit Sonnenmilch im Sommer. Mit einem Baby bzw. Kleinkind fängt man ja klassischerweise mit einem kleinen Plantschbecken an. Kind ausziehen und rein in’s seichte Wasser. Beim Plantschen und pritscheln, den neuen Eindrücken im warmen Nass, war die Kommunikation eher zweitrangig. Ein paar Alltagsgebärden konnten wir da schon, um uns mit Marie zu verständigen. Ehrlicherweise, und mit leicht schlechtem Gewissen, war und ist bislang auch nicht mehr nötig. Denn es ist wirklich erstaunlich: Jetzt ist Marie 4 1/2 Jahre und redet wie ein Wasserfall – ob mit oder ohne CI. Tatsächlich, auch wenn sie nichts hört, im Wasser, beim Baden, schwimmen, im Plantschbecken oder auch nachts, redet sie mit uns als ob nichts wäre. Sie spielt auch lautsprachlich mit ihren Wasserspielsachen (momentan v.a. Delfine und eine Meerjungfrau 😉 ), geht im Wasser voll in ihren Rollenspielen auf – auch wenn sie nichts hören kann. Ehrlicherweise hat mich das total erstaunt! Und auch die Erzieherinnen im Kindergarten machten große Augen als sie das zum ersten Mal erlebt haben. Sie hatten im Kindergarten einen Rasensprenger aufgebaut und die Kinder durften der Reihe nach durchlaufen.Was waren sie baff als sie mitbekamen, wie sich Marie lautstark gegenüber einem größeren Jungen durchsetzte, der sich vordrängeln wollte.

Aber es zeigt einmal mehr, dass man 1.) ein taubes Kind nicht unterschätzen darf und 2.) nicht mit seinen eigenen Maßstäben und Vorstellungen Dinge, von denen man nichts oder nur wenig versteht, bewerten sollte.

Offenbar nimmt Marie durchaus wahr, was sie spricht. Sei es durch die innere Tonresonnanz, die Vibration in ihrem Kopf oder durch ihre Vorstellungskraft.

Wenn sie mit uns Eltern spricht, uns eine Frage stellt, antworten wir kurz und knapp, und sie liest die Antwort von unseren Lippen ab. Gelegentlich behelfen wir uns mit den wenigen Gebärden, die wir und Marie können. Bislang gab es noch keine Situation, in der ich so verzweifelr war, so in Gebärdensprache mit ihr kommunizieren zu können wie ich es von der Lautsprache her gewohnt bin. Allerdings weiß ich, dass dieser Moment einmal kommen wird, und es macht mir schon etwas Angst.

Bislang aber dominiert das Staunen und die stille Bewunderung über mein Kind, wie sie jede Situation mit Bravour meistert.

Worüber ich auch regelmäßig schmunzeln kann: Sei es am See, im Schwimmbad oder wenn Freunde zu Besuch sind – die Kinder spielen und „reden“ trotz Maries Taubheit miteinander. Ihnen fällt es gar nicht auf, dass Marie nichts hört. Egal, ob es ein fremdes Kind ist, das zufällig am See mit ihr im seichten Wasser spielt oder eine gleichaltige Freundin, die eigentlich über Maries Hörschädigunf Bescheid weiß – für die Kinder macht es keinen Unterschied, ob Marie in der jeweiligen Situation hört oder nicht. Sie spielen einfach anders als wir Erwachsene es vermuten – miteinander und doch miteinander. Zwar mit Worten, aber doch mehr mit Gesten und Interaktionen. Es erstaunt mich jedes Mal auf’s Neue. Sowohl ihre Cousine als auch ihre beste Freundin wissen eigentlich, dass Marie ohne CI nichts hört. Und doch reden sie einfach normal weiter mit ihr, auch wenn sie sie in dem Moment nicht hören kann. Einerseits fehlt ihnen sicherlich das tatsächliche Bewusstsein dafür, wie das ist, taub zu sein. Aber das fehlt mir ja auch! Wie könnte ich – ich bin es ja nicht! Und an der Stelle, wo wir Erwachsenen dann eher zur Nicht-Kommunikation neigen, machen die Kinder einfach weiter wie sie es gewohnt sind. Und siehe da: es funktioniert bestens! Bislang hat sich noch kein Besuch beschwert, dass die Unterhaltung einseitig gewesen wäre. 😉 Kommt vielleicht später mal…

Aber bis dahin: Füße hoch und Relax! Wie so oft gilt: Einfach mal weniger Gedanken machen.

PS: Und wenn ich es recht bedenke: Ist es nicht bei uns Erwachsenen nicht selten ähnlich? Wir reden und reden – und hören uns doch nicht zu? Kommunikation zwischen Menschen ist und bleibt eine der schwierigsten menschlichen Interaktionen – ob mit oder ohne Gehöhr.

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