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Maries Oma erinnert sich…

Wunder gibt es, um uns zu lehren, überall das Wunderbare zu erkennen. (Heiliger  Augustinus)

Die Welt ist voller Wunder

Da saß sie. Zusammengekauert am Boden. In der Küche. Die Beine eng an sich herangezogen. Angelehnt an einen Küchenschrank. Starrer Blick, der ins Leere ging. An mir vorbei, als wäre ich gar nicht da. Ihr Neugeborenes auf dem Arm. Ein kleines, zerbrechliches Püppchen von gerade mal 2500 Gramm. Und trotzdem hielt sie, die Zusammengekauerte, die ganze Schwere und Last, sowie den Schmerz der ganzen Welt in ihren Armen. Lautlos liefen Tränen über ihr Gesicht.

Mir zerriss es schier das Herz beim Anblick meiner sonst so lebenslustigen und auch selbstbewussten Tochter. Ich solle heimgehen, weil ich eh nicht helfen könne, sagte sie.

Ich verdrückte mich. Wie ein geprügelter Hund fuhr ich nach Hause und jetzt zu Hause blieb ich……. mit meinem eigenen Schmerz allein. Ohnmacht an allen Ecken und Enden. Hilflosigkeit, die uns alle mitriss. Ich konnte nicht mal mehr wütend sein. Alles wie abgestorben in einem drinnen.

Dieses Bild in der Küche sollte sich für mein Leben lang in mein Gedächtnis einbrennen. Meine Tochter trauert über ihrem Neugeborenen. Und ich trauere und leide an dem Schmerz meiner Tochter. Und kann und darf ihr nicht mal helfen.

Der Schmerz der Mütter über ihre Kinder ist wohl einer der Unbegreiflichsten und Herzzerreissensten, die es auf Erden gibt. In diesen ersten Tagen seit der Geburt von unserer kleinen Marie, ist mir zum ersten Mal die tiefe Bedeutung der schmerzensreichen Mutter Gottes eingeleuchtet. Maria, der -in der bildlichen Darstellung der frommen Kunst – ein Schwert mitten ins Herz gebohrt wird und sie mit schmerzverzerrtem Gesicht verzweifelt die Hände auf ihre Brust, die ihr zu zerbersten scheint, legt. Ein Bild, ein Urtypus, mit dem ich zugegebenermaßen bis zum besagten Tage nichts anfangen konnte, den ich bis dato eher abstoßend fand. Jetzt auf einmal wurde mir -durch die eigenen Schrecken ausgelöst- die tiefe Bedeutung dieses Urbildes klar. Mutterschmerz kann nur so dargestellt werden!

Nur uns allen, Vater, Mutter, Großeltern wurde damals dieses Schwert nicht nur ins Herz gebohrt, sondern zusätzlich noch mehrfach im Herzen umgedreht.

Was half in den ersten Tagen des Schreckens?

Sicherlich nicht eine Arbeitskollegin (Pfarrerin!), die mir sagte, ich sollte mich gefälligst krankschreiben lassen, wenn ich die Emails jetzt nicht täglich einsehen könne. Krank war ich doch nicht! Meine Seele musste „arbeiten“, schreien. Und Seelenarbeit ist anstrengend. So einem Menschen vertraut man sich kein zweites Mal an.

Hilfreich aber waren Menschen, die mir Raum gaben und Zeit. „Das wird schon dauern, bis der Schock verarbeitet wird. Aber Du wirst sehen, es kommen Tage, da werdet ihr alle wieder unbeschwert und glücklich sein.“ Unvorstellbar zum damaligen Zeitpunkt.

Man wird noch vorsichtiger als sonst, wem man sich anvertraut, wen man tief in seine Seele blicken lässt und wen lieber nicht.

Das ist interessanter Weise bei mir, was Marie betrifft, bis zum heutigen Tag so geblieben. Ich kann mir das nur dadurch erklären, weil Marie für uns alle ein sehr, sehr wichtiger Mensch geworden ist. Ich will mit ihr und ihrer Lebensaufgabe weder „hausieren“ gehen, noch Mitleid erheischen. Und schlichtweg haben es auch nicht alle Menschen verdient, das, was Marie zu Marie und so einzigartig macht, das Wertvollste von ihr, mitgeteilt zu bekommen. Wertvolles muss geschützt werden. Es ist zerbrechlich wie Porzellan.

Wo meine Tochter damals die Kraft herbekam? Ehrlich gesagt, ich weiß es nicht wirklich.

Vielleicht durch die Liebe ihres Mannes, vielleicht durch ihren Erstgeborenen, der damals selbst noch keine 2 Jahre alt war. Seine kindliche Unbeschwertheit und ungetrübte Fröhlichkeit haben wohl wirklich, ohne dass er sich dessen bewusst war, viel Trost für uns alle bereitgehalten. Und, vielleicht war es auch ganz banal nur der Alltag mit 2 kleinen Kindern und seinen nie enden wollenden Herausforderungen und Aufgaben und schlaflosen Nächten. Essen, Waschen, Kochen, Wickeln, Kinder versorgen, trösten und alles in wiederkehrenden Schleifen immer wieder von vorne.

Der Alltag, der weiterging als wäre nichts, vor allem als wäre nichts Dramatisches geschehen. Das Leben kann manchmal sehr ungnädig sein und geht doch ganz einfach weiter.

Wie meine Kinder, war auch ich als Oma und Großmutter auf einmal mit Themen konfrontiert, die für mich neu waren und die man sich nicht freiwillig aussucht, um sich damit zu beschäftigen.

Hört sie wirklich nicht? Ganz sicher haben die Ärzte sich geirrt. Welche Schule später? Integrierter Kindergarten oder „normaler“? Und, was bitte ist normal? Gebärdensprache Ja/ Nein? Ist das Kind jetzt behindert? OPs wann? Wie geht’s mit der ganzen Familie weiter? Die Frage Cochlea Implantat oder nicht stand eigentlich nie zur Debatte. Es war von Anfang an klar: das Kind soll hören können und das so früh wie möglich.

Bewundernswerte Dankbarkeit habe ich für den operierenden Arzt empfunden, der zu dem damaligen Zeitpunkt in seinem Berufsleben bereits xy Kinder/Babys operiert hat und ihnen das Hören geschenkt hat.

Meine größte Sorge – und das mag ein wenig überraschen- galt damals, meinem ersten Enkel.

Wird er, wenn sich jetzt alles um seine Schwester dreht, vernachlässigt werden? Wird er auf lange Sicht zu kurz kommen? Vielleicht sogar zu wenig gefördert werden? Übersehen wir vielleicht wichtige Alarmsignale bei ihm?  Wie wird sich das ganze Familiensystem entwickeln? Wird sich alles nur um Marie drehen? Fragen über Fragen. Aber keinen Hauch von einer Ahnung, wie sich das alles entwickeln wird und ob es so etwas wie eine gesunde Familienbalance, in der jeder seinen berechtigten Platz hat, geben wird können. Fragen über Fragen. Antworten keine.

Im Alltag und im Praktischen habe ich mich als – noch dazu berufstätige- Großmutter auf Hilfestellungen aus der sog. zweiten Reihe beschränkt: Wäsche im Keller machen, Aufräumen, Kochen, mit dem ersten Kind entlasten. Ich habe mich bemüht, mich „zuarbeitend“ zu verhalten und mich in Entscheidungen nicht einzumischen. Die Kinder müssen ihren Weg finden und gehen. Ich hoffe, diese Gratwanderung zwischen einerseits Dasein und gleichzeitig sich nicht einmischen ist mir gelungen. Balancehalten ist manchmal schwierig, gerade dann, wenn einem der Wind selbst scharf um die Ohren bläst.

Inzwischen ist viel Wasser die Isar hinuntergeflossen.

Aus unserem „Sorgenkind“, das uns alle ohne Frage vor absolut neue Herausforderungen gestellt hat, ist ein sehr selbstbewusstes, liebenswertes und vor allem sehr lebenslustiges und lebensfrohes Mädchen von 5 Jahren geworden. Manche Mädchen ihres Alters könnten sich von ihr eine Scheibe abschneiden. Deswegen mache ich mir auch keine Sorgen mehr um Marie. Sie wird das Leben mit all seinen Herausforderungen schon meistern. Alleine schon ihre besonders ausgeprägte Charakterstärke und Durchsetzungskraft geben mir die Gewissheit, dass sie gut durchs Leben kommen wird. Sie lässt sich schon jetzt nicht die Butter vom Brot nehmen, wie man in Bayern sagt. Sie wird ihren Weg gehen und das Leben mit ihrer speziellen Willensstärke gut meistern. Da bin ich mir sicher.

Für mich ist im Alltag eigentlich fast vergessen, dass Marie eine CI – Trägerin ist, wenn sie nicht mitten im Spiel auf einmal sagen würde: „Die Batterien sind leer“ oder meine Tochter mich anmahnt das Radio auszuschalten, damit die Nebengeräusche im Zimmer nicht zu dominant sind.

Was mein Leben als Oma mit ihr jetzt ausmacht?

Ich bin einfach nur stolz auf sie. Stolz wie mutig und schneidig sie Ski fährt. Stolz, dass sie so viele, nette Freundinnen hat. Stolz, dass sie im Kindergarten („normaler“) beliebt ist. Stolz, weil sie weiß, was sie will und auch, was sie nicht will. Stolz, dass aus ihr so eine Quasselstrippe geworden ist, die auch schwierige deutsche Wörter und sogar Fremdwörter nicht scheut. Stolz, weil sie sich schon so viel von Gottes Welt „erobert“ hat, über so vieles Bescheid weiß und der Oma so viel erklären kann. Stolz, weil sie so ein starkes, selbstbewusstes Persönchen geworden ist.

Und an ansonsten ist für mich halt – und das ist der große Luxus des Großmutterseins- nur Genießen, Blödsinn machen und fröhlich sein angesagt. Wie kann sie sich ausschütten vor Lachen, wenn was komisch ist. Wie kann sie unbeschwert tanzen und sich in eine andere Welt wegträumen, wenn sie Musik hört. Wie bunt sind ihre selbstgemalten Bilder, natürlich auch immer mit viel Glitter. Und als Oma besitzt man ja eine ganze Bilder-Galerie davon! Wie hinreißend sind die heimlich beobachteten Dialoge, die ihr Lieblings-Schmusetier mit meinem alten, abgegriffenen, über 50 Jahre alten Steif-Dackel führen.

Wenn es nicht sogar einer eigenen Komik entspräche wäre meine Berufsprognose für sie: Schauspielerin oder Tänzerin.

Und das für einen Menschen, der taub auf die Welt gekommen ist!

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1 Kommentar Neues Kommentar hinzufügen

  1. Zum Weinen schön und anrührend Ihre Geschichte!
    Zumal ich in den selben Schuhen stecke, ebenfalls ein gehörloses Enkelkind von 2 1/2 Jahren habe, das ebenfalls dank seiner CIs die Welt fröhlich entdeckt und bewältigt!!

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